Kein
Fuchs.
Estland · Sommer 2020
Eine unerwartete Begegnung.
Mein Vater und ich waren nach Estland gereist, um Tiere zu fotografieren und die ruhigen Landschaften rund um Matsalu zu erkunden. Insgesamt besuchten wir Estland viermal. Die Begegnungen dort zogen uns immer wieder zurück. Im Sommer 2020 begann eine davon auf einer Straße in der Nähe unserer Unterkunft. Wir suchten die umliegenden Felder ab, als ich ein Tier neben einem Heuballen bemerkte. Auf den ersten Blick sah es wie ein Fuchs aus. Wir hielten an, und ich hob die Kamera, um genauer hinzusehen. Durch den Sucher war ich mir sicher, was ich da wirklich vor mir hatte: einen Wolf. Der Gedanke war überwältigend. Ich hatte keinen Zweifel.
Ich glaubte, einen Wolf zu fotografieren, und konnte meine Aufregung kaum zurückhalten. Über Goldschakale wusste ich damals fast nichts. Ich wusste nicht einmal, dass sie in Estland leben, und wäre deshalb von selbst nie auf diese Erklärung gekommen. Mein Vater und ich fotografierten das Tier voller Begeisterung, während es neben dem Ballen saß und zu uns herüberschaute. Es schien sich für uns zu interessieren, war von der Begegnung aber weit weniger beeindruckt als wir. Ich war ganz von dem Gedanken eingenommen, einen Wolf vor der Kamera zu haben. Das Tier selbst schien dagegen vollkommen zufrieden, einfach dort sitzen zu bleiben.
Schließlich wandte es sich ab und lief weiter ins Feld. Wir beobachteten, wie es auf einen großen, runden Heuballen sprang und eine Weile dort blieb. Einige Fotos aus diesem Teil der Begegnung sind weiter entfernt und weniger detailreich als die nahen Porträts. Für mich gehören sie trotzdem dazu: Sie zeigen das Tier in seiner Umgebung und halten den unerwarteten Moment auf dem Ballen fest. Ein Wissenschaftler vermutete später, dass es den Ballen wohl als Ansitz für die Jagd genutzt hatte. Vielleicht genoss es auch einfach die Sonne. Ein paar Minuten später zog es weiter und verschwand im Wald.
Ein
Goldschakal.
Die Überraschung kam am nächsten Tag, als uns eine Einheimische erzählte, dass das Tier ein Goldschakal gewesen war. Bis zu diesem Gespräch war ich überzeugt gewesen, einen Wolf gesehen zu haben. Wir hatten eine Art fotografiert, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie in Estland lebt. Unsere Aufregung und Freude waren riesig. Die Entdeckung ging weiter, obwohl die Kameras längst wieder eingepackt waren.
Erst später erfuhr ich, wie klein Estlands Schakalpopulation damals war. Eine 2022 veröffentlichte Studie nennt für 2020 landesweit 27 Fortpflanzungsgruppen. Die Population breitete sich vor allem entlang der Westküste aus. Die ersten bestätigten Nachweise der Art und ihrer Fortpflanzung in Estland stammten aus dem Jahr 2013. Dieses Wissen gibt der Begegnung eine weitere Bedeutung: Das Tier vor uns gehörte zu einer Art, die erst seit wenigen Jahren Teil von Estlands Tierwelt war.1
Ein Moment
zum Behalten.
Wenn du einen Print aus dieser Begegnung mit dem Goldschakal möchtest, schreib mir. Wir besprechen das Motiv und die verfügbaren Größen.
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